Sagenwelt in Tiers

Reich König Laurins

Über den Waldkuppen zwischen Tiers und dem Eggental bei Bozen erhebt sich ein Felsgebirge, das den Namen Rosengarten trägt. Und dies ist die Geschichte seiner Entstehung.

Einst war der Fels weniger steil und ganz mit roten Rosen bedeckt. In diesem Rosenhang lebten kleine Leute und deren König, Laurin. Der Berg selbst war hohl, und in ihm befanden sich zahlreiche Gänge und Säle. Nur ein dünner Seidenfaden, der die Rosen eingrenzte, bildete die Grenze dieses geheimnisvollen Reiches. In König Laurins Reich herrschte Frieden, und es gab keine Gewalt.

Eines Tages erfuhr Laurin, dass ein benachbarter König eine wunderschöne Tochter habe, Similde. Er beschloss, um sie zu werben und schickte drei von seinen Leuten aus, die in seinem Namen um die Hand der Prinzessin anhalten sollten. Als sie zum Schloss kamen, öffnete ihnen ein bösartiger Mann namens Wittege das Tor, der es als Frechheit betrachtete, dass ein Zwergenvolk glaubte, seinem Volk ebenbürtig zu sein. Aber ein alter Recke namens Hildebrand, der gerade hinzugekommen war, sagte, er solle schweigen. Die Prinzessin lehnte den Antrag schließlich ab, woraufhin sich die Zwerge traurig auf den Heimweg machten. Vorher verspottete Wittege sie aber, und die Zwerge antworteten scharf. Wittege folgte ihnen, holte sie ein und erschlug einen von ihnen. Die anderen beiden flohen und berichteten Laurin davon. Nun war die Friedenszeit auch im Rosengarten Vergangenheit. Laurin entführte Similde und hielt sie sieben Jahre lang in seinem hohlen Berg gefangen. Als der Bruder der Prinzessin endlich ihren Aufenthaltsort erfahren hatte, warnte ihn Hildebrand vor der Stärke Laurins. Man holte deshalb Dietrich von Bern zu Hilfe. Wittege schloss sich ihnen als wegkundiger Führer an.

koenig laurin

Als sie den Rosengarten erreichten, dessen Rosen in einzigartiger Pracht leuchteten und dufteten, da sah Dietrich keine Soldaten, sondern nur den Seidenfaden, und den wollte er nicht zerstören. Daher schlug er vor, einen Boten zu senden, um mit Laurin zu verhandeln. Diese friedlichen Worte ärgerten Wittege. Kurzerhand zerriss er den Faden und zerstampfte die Rosen. Da erschien König Laurin, ein kleiner Mann mit einer Krone auf dem Kopf. Alle Recken lachten. Doch Laurin ging mit seinem Speer auf Wittege los. Ein Kampf brach los. Wittege geriet schon bald in Bedrängnis und brauchte Dietrichs Hilfe. Da rief Hildebrand Dietrich zu: „Laurin hat einen Gürtel an, der ihm Zwölfmannkraft verleiht. Zerreiße ihn, und der Sieg wird dein sein.“ So geschah es, und Simildes Bruder fragte den besiegten Laurin nach der Prinzessin. Da trat Similde aus dem Felsen heraus. Sie dankte ihrem Bruder für die Befreiung, sagte aber auch, dass Laurin ein edler Mann sei und sie stets wie eine Königin behandelt habe. Daraufhin bot Dietrich Laurin Frieden an. Alle waren damit einverstanden, außer Wittege.

Nun zeigte Laurin den neu gewonnenen Freunden seine Schätze und bewirtete sie. Man aß und trank zusammen und als es Abend wurde, begaben sich alle zur Ruhe.

Laurin aber wurde von einem Knappen geweckt, der ihm berichtete, Wittege wolle mit einer Schar von Bewaffneten in den Berg eindringen. Laurin und seine Leute rückten aus und trieben Wittege und die Seinen den Berg hinab. Hildebrand hörte den Kampflärm und vermutete sogleich Verrat. Er weckte seine Genossen und ließ die Tore besetzen. Laurin sah dies und dachte, Wittege und Hildebrand hätten vereinbart, die Zwerge bei Nacht zu überfallen. Auf Laurins Befehl hin setzten die Zwerge deshalb Tarnkappen auf. Dadurch konnten sie die Feinde besiegen, und sie warfen sie in ein Verlies.

Dietrich spie Feuer vor Zorn. Und siehe, damit schmolz er die Ketten und befreite alle. Similde gab ihnen Zauberringe, die die Wirkung der Tarnkappen auflösten. Dadurch siegten Dietrich und seine Männer. Sie nahmen Laurin gefangen und machten Wittege zu seinem Wärter, der ihn häufig misshandelte. Nach einigen Jahren der Gefangenschaft konnte Laurin fliehen und in seine Heimat zurückkehren. Als er aber den roten Rosengarten vor sich sah, da sagte er: „Diese Rosen habenmich verraten; hätten die Recken nicht die Rosen gesehen, so wären sie nie aufmeinen Berg gekommen.“

Deshalb sprach Laurin einen Zauber über die Rosen aus. Er ließ den Rosengarten zu Stein werden, und die versteinerten Rosen sollten weder bei Tag noch bei Nacht gesehen werden können. Er hatte jedoch die Dämmerung vergessen, und so kommt es, dass man in der Dämmerung die Rosen des verzauberten Gartens sehen kann. Dies nennt man Alpenglühen.

(Quelle: http://www.smg.bz.it/fileadmin/user_upload/sagendb/k%C3%B6nig-laurin-und-sein-rosengarten-551.pdf, 02.03.2016)

Die Nixe vom Karersee

Auf der Wasseroberfläche des Karersees im Eggental leuchten alle Farben: Blau, Grün, Goldgelb und Rot. Manche glauben, das mache der Glanz der Edelsteine, die am Grunde des Sees lagern. Aber diese Deutung ist nicht richtig, denn was man im Karersee sieht, das sind nicht die Farben der Edelsteine, sondern die Farben des Regenbogens. Die Dirlinger nannten den See auch „das Regenbogen-Wasser“, denn in der ältesten Dirlingerzeit soll sich folgendes zugetragen haben:

Im Karersee lebte eine wunderschöne Nixe, die häufig am Ufer saß und sang, aber sofort untertauchte, wenn jemand in die Nähe kam. Im Wald unterhalb des Berges Latemar wohnte hingegen ein böser Zauberer. Dieser hatte die Nixe einmal gesehen und beschlossen, dass sie sein werden sollte. Er begab sich jeden Tag an den See, um die Nixe zu sehen, doch diese verschwand bei seinem Anblick immer im Wasser. Manchmal wurde er deshalb so wütend, dass er ein Gewitter hinter dem Latemar heraufziehen ließ und Blitze in den See hinein schleuderte. Die Nixe konnte darüber aber nur lachen. Also begann er, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren, und verwandelte sich mit Hilfe seiner Zauberkräfte einmal in einen Fischotter. So schlich er sich an die Seejungfrau an. Diese wurde jedoch von den Singvögeln gewarnt. Die Nixe tauchte sofort unter; der Zauberer sprang nach, konnte sie aber nicht einfangen, da sie schneller war als der Fischotter. Eines Tages stieg der Zauberer, von Gram erfüllt, zum Rosengarten hinauf, wo die „Strióna“, eine mächtige Hexe wohnte. Dieser erzählte er von seinen Versuchen. Da lachte die Hexe und sagte: „Du willst ein Zauberer sein und kannst nicht einmal mit einem Nixlein fertig werden.“ Der Zauberer ärgerte sich über diese Worte und erklärte ihr, dass er bereits zwei andere Zauberer um Rat gefragt hatte, doch auch sie hätten ihm nicht helfen können.

karersee

Da gab ihm die Hexe einen Rat: „Die Nixe hat noch nie einen Regenbogen gesehen. Baue auf den Latemartürmen einen schönen Regenbogen und lass ihn mit seinem Fuße den Spiegel des Karersees berühren. Sobald die Nixe den Regenbogen erblickt, wird sie neugierig werden und wird wissen wollen, was das ist. In der Zwischenzeit verwandelst du dich in einen alten Händler mit langem, weißem Bart und einem Sack voller Goldspangen und Flitter auf dem Rücken. So näherst du dich dem Seeufermit festem Schritt und scheinbar ohne Absicht. Dann schneidest du ein Stück des Regenbogens ab und sagst vor dich hin, dass dies das kostbare Gewebe sei, aus dem man Luftjuwelenmacht. Daraufhin steckst du es in deinen Sack und lässt dabei, wie zufällig, Gold und Flitter herausfallen. Die Nixe, die solche Dinge nicht besitzt, wird neugierig werden undmit dir ein Gespräch anfangen. Da musst du ganz gelassen bleiben und ihr von den Prinzessinnen erzählen, die bei dir Luftjuwelen bestellt haben. Schließlich musst du ihr sagen, dass du allerhand Geschmeide bei dir hast, da du ein Händler seist, und du lädst sie ein, deine Waren zu besichtigen. Glaube mir, sie wird zu dir kommen.“

Der Händler stieg noch am gleichen Tage auf die Latemartürme und schuf einen prächtigen Regenbogen über dem Wald zum Karersee hinab. Sogleich schwamm die Nixe herauf und betrachtete die herrlichen Farben. Als der Zauberer dies von der Höhe aus sah, glaubte er sich seiner Sache schon sicher und rannte den Wald hinunter. Er war dabei aber so aufgeregt, dass er vergaß, die Gestalt eines Händlers anzunehmen. Als er sich dem Seeufer näherte, hörte ihn die Nixe kommen, erkannte ihn und tauchte unter.

Den Zauberer ergriff eine unbändige Wut. Er riss Bäume aus, warf Felsblöcke um sich und packte schließlich den Regenbogen und stieß ihn in den See hinein. Dann ging er in die Felsen und ließ sich nie wieder blicken.

Der Regenbogen aber zerfloss im Wasser, und seine Farben breiteten sich auf dem Seespiegel aus. Daher kommt es, dass die Wasseroberfläche des Karersees in so wunderbaren Farben schillert. Es sind nicht die Farben des Wassers, sondern die Farben des Regenbogens, der auf dem Seespiegel schwimmt.

(Quelle: http://www.smg.bz.it/fileadmin/user_upload/sagendb/die-nixe-vom-karer-see-523.pdf, 02.03.2016)

Das Tschetterloch

Im Tschamintal hinter Tiers führt unten, nicht hoch über dem Bach, ein tiefes Loch in den Schlern hinein, so tief, dass man mehr als eine Viertelstunde gehen muss, um ans Ende zu kommen. Vor dem Loch braust ein Wasserfall herab, so dass, wer denselben besuchen will, zuerst das schwer herniederstürzende Wasser über sich ergehen lassen muss.

Ganz hinten im Tschetterloch ist ein Raum, in welchem ein Tisch und an den Wänden herum Bänke angetroffen wurden. Die einen sagen, diese rührten von den Hirten früherer Zeiten her, welche darin Obdach gesucht, andere erzählen, dass hier die ersten Christen ihren verborgenen Gottesdienst feierten, als die Christenverfolgung wütete, wieder andere meinen, im Tschetterloch hätten die Riesen der Vorzeit gehaust, samt ihren Hunden, und die letzten endlich behaupten, diese Höhle habe den Saligen Leuten zum Aufenthalt gedient, und um dieselben vor den Nachstellungen der Riesen und Menschen zu bewahren, habe Gott der Herr den abstürzenden Bach darüber hergeleitet.

(Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 354)

Der Marksteinrucker

Am Niger unter dem Rosengarten haben die Tierser und die Welschnovner Jahrzehnte hindurch wegen der Almgrenzen zu streiten gehabt. Sommer für Sommer sind die Hirten und Bauern von der einen und von der andern Seite dort oben zusammengewachsen und haben sich die Köpfe blutig geschlagen. Haben sich gegenseitig zur Ader gelassen, ohne dass es auch nur einem Bader eingefallen wäre, sie wegen Kurpfuscherei vor Gericht zu ziehen. Im Gegenteil - die Dokter der Medizin haben fast die gleiche Freude an diesen Unterhaltungen der Bauern gehabt wie die Dokter der Rechte. Vor Gericht gezogen haben sich die Bauern schon selber und die Advokaten in Bozen hatten über Hals und Kopf zu tun.

Endlich, nachdem die Tierser und Welschnovner einander so manches zuleide getan hatten, hat ein altes Manndl aus Fassa Frieden gestiftet und die Marksteine gesetzt. Alle waren einverstanden, die Hübern und Drübern, bis auf einen einzigen Welschnovner Bauern. Dem hat die Mark noch immer nicht recht getaugt. Gesagt hat er zwar nichts - es hätte ihm auch nicht viel geholfen - aber in einer finstern Regennacht hat er einen Spaziergang auf den Niger gemacht und die Grenz ein wenig verschoben - natürlich zu seinem Nutzen.

Wie dann der Bauer verstorben ist, war am Niger schon wieder keine Ruhe und der Teufel los. Man hat von einem Gespenst zu erzählen angefangen, das sich dort oben sehen lasse und jämmerlich schreie und seufze.

Der Ladritscher Müller von Welschnoven muss einmal spät in der Nacht über den Niger. Wie er oben auf der Höhe grad einen Raster macht und ein Maul voll Kranewiter aus seiner Flasche glucksen lässt, kommt richtig der Irrwisch daher und jammert mit seiner hohlen Geisterstimme:

"Wo soll ich ihn hintun, den Stein? Wo hintun, hintun? Wo - wo - wo - hin?"

"Da trink einmal, du Goggezer (Stotterer)", sagt der Müller gutmütig und hält ihm die Schnapsflasche entgegen.

Der Geist aber fängt neuerdings zu stöhnen an wie eine Schleiereule:

"Wo soll ich ihn hintun, den Stein? Wohin? Wohin? Wohin?"

Dass jemand seinen Kranewiter, den er selbst gebrannt, zurückweisen könnte, wie es dieser Jammergeist da tat, das hätte sich der Müller bis dahin nicht einmal im Traume einfallen lassen. Das machte ihn fuchtig, den Ladritscher. Und als der Geist noch immer sein "Wohin? Wohin? Wohin?" über die Almen stöhnte, fuhr ihn der Müller recht ungnädig an:

"Du bist a fader Säckel mit deinem ,Wohin? ´ Von mir aus, tust ihn hin, wo du ihn hergenommen hast, aber mich lasst jetzt in Ruh."

Da humpelte der Geist eiligst davon und hat sich nie mehr sehen lassen. Der Rat, den Stein auf den alten Platz zu setzen, muss ihn erlöst haben.

Der Ladritscher Müller aber ist seit der Zeit an schlecht auf Geister und Gespenster zu sprechen. Das sind nach seiner Meinung Wesen, die keinen Leib, aber auch keinen Verstand haben, denn sonst hätte der Jammerer den Kranewiter zum mindesten gekostet.

(Quelle: Laurins Rosengarten, Sagen aus den Dolomiten, Franz S. Weber, Bozen 1914, S. 80-82.)

Vom Sebastiankirchlein

Ober dem Dorfe Tiers, eine halbe Stunde entfernt, steht ein Kirchlein, das dem hl. Sebastian geweiht ist. Von dessen Entstehung erzählt man folgendes:

Als in Tiers einst der Schwarze Tod wütete, gelobte der Totengräber, daß er, sobald die Pest vorbei sein werde, zu Ehren des Pestheiligen Sebastian eine Kapelle bauen werde. Die Pest hörte glücklich auf und verschonte den Totengräber, und dieser beschloß nun, sein Gelöbnis auszuführen. Wo aber das Kirchlein erbauen? Da spannte er zwei "ungelernte" schwarze Ochsen an einen kleinen Wagen, legte den letzten Pesttoten darauf und ließ sodann das Gespann ohne Leitung gehen, wohin es wollte. Wo die Ochsen stehen bleiben würden, dort sollte die Kapelle erstehen. Die Ochsen zogen an und gingen langsam ihres Weges und blieben erst ein gutes Stück oberhalb des Dorfes stehen. Man versuchte sie weiterzutreiben, aber sie standen fest an der Stelle. Nun lud der Totengräber die Truhe mit der Pestleiche ab, grub diese dort an Ort und Stelle ein und baute dabei die Kapelle, die heute noch steht. (Tiers.)

(Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 332 f.)

sebastiankirche

Lomberda - die Wetterhexe

Die Lomberda war eine Riesenhexe aus dem Welschland, groß, stark und wütig. Sie hauste jahrzehntelang am Rosengarten und verstand alles, was die Zauberkunst betrifft und die Hexenweisheit ausmacht: Wetter machen, Bauern plagen und Vieh schrecken. Die Leute in den Tälern um den Rosengartenstock herum lebten mit ihr in immerwährendem Krieg.

Aber, glaubt ihr vielleicht, die Fassaner, Welschnovner, die Tierser und Kastelruther haben sich nicht zu wehren gewusst? O, da kennt ihr die Leute da oben in den Dolomiten schlecht. Gar nichts haben sie sich bieten lassen und ganz ausgezeichnet haben sie es verstanden, dem Teufelsweib so manches zum Trotz zu tun. Das werdet ihr jetzt gleich hören.

Einmal, da rührt die Lomberda mit einem Reisbesen den Antermojasee hinter dem Kesselkogel auf, dass es nur so sprudelt und knudelt. Schon steigen die schwarzen Wolken in die Höh und überziehen den ganzen Himmel. Es blitzt schon - ein ganz gräuliches Ungewitter droht jeden Augenblick loszubrechen. Da fängt der Mesner zu Pozza im Fassatal die Wetterglocke zu ziehen an. Ein paar gelbgrüne Zucker noch am finsteren Himmel und das Wetter muss sich wieder verziehen. Bald scheint die Sonne und es ist wieder der allerschönste Tag.

Das hat die Lomberda natürlich wenig gefreut. Eine ganz unbändige Wut hat sie auf den Mesner gehabt und hat wie eine Besessene mit ihrem Besen in den See hineingeplantscht, dass das Wasser um und um aufgespritzt ist. Aber es ist nichts anderes mehr geschehen, als dass die Lomberda bis auf ihre eigene Runzelhaut waschnass geworden ist.

"Der Putzer Plentenkessel", so hat sie über die Berge hin geschrieen, "hat mir den ganzen Spaß verdorben."

Dann ahmte sie höhnend das Klingen der Glocke nach. "Geling - gelong, geling - gelong! Schell nur, du alter Plentenstotz! Nicht einmal ein bißl Abkühlung vergunnen sie mir - die Putzer Blutzer mit ihrem Gling-glung."

Das war so ihre Art, von den geweihten Glocken zu sprechen. So fluchte sie und schimpfte auf das unflätigste, wenn ihr das fromme Geläut irgendein Lasterwerk vereitelte.

"Die winselnde Katz von St. Peter, der kohlende Hund von Layen, der lurlende Tierser Stier", so wetterte sie gegen ihre Widersacherinnen auf den Türmen. "Die Umser Sumser, die tscheppernden Kastelruther Geißschellen, die quänggeten Latzfonner Muspfannen, die Brummer von Gummer, die St. Vigillen Grillen, der wampete Knödlhafen von Welschnoven", so hieß sie die vielen Glocken rings um den Rosengarten herum. Sie liebte sie, wie ein gehetzter Fuchs die Hundemeute liebt, die hinter ihm herkläfft. Wohin sie lauschte, rief ihr eine Glocke zu:

"Fort mit dir, du schiache Hex!"
Oder sie glaubte aus dem Gesänge der Glocken Spottlieder und Trutzweisen herauszuhören.

"Alle Wetter sind uns bekannt,
Lomberda, die Hex, muss aus dem Land!
Alle Wetter verjagen wir,
Lomberda, wart, dich plagen wir.
Schüttelt sie, rüttelt sie, rupfts ihr die Haar.
Haut zum Kraut sie, gebts ihr ein paar!
Necks, schrecks. becks.
Pack sie die Hex!"

So sangen und klangen die ehernen Jungfrauen auf den Türmen.
"Lomberda, Lumpin! Lomberda, Lumpin!" so höhnten die Glocken.

Wohin sie blickte, drohte ihr aus dem Tale ein Kirchturm wie ein großer Zeigefinger:
"Wart nur, du Teufelin. Trau dich nur, du Wetterhex!"

lomberda

Eines Tages brach sie dort, wo jetzt das Tschagerjoch den Einschnitt in der Rosengartenkette bildet und den Wanderer von der Wajolethütte herauf lässt und hinunterführt in die Behausung der Kölner, ein großes Stück Berg heraus und schleuderte den Felsklotz in das Tal hinunter, dass die Trümmer noch heute am Kölblegg herumliegen.

Gezielt hätte sie damals eigentlich nach Welschnoven hinunter und wäre willens gewesen, das ganze Dorf mit dem gewaltigen Felstrumm zu zerschmettern, wenn nicht der "Welschnovner Knödlhafen", das heißt in unserer Sprache die große Glocke, noch rechtzeitig ertönt wäre und so die teuflische Riesenkraft in Lomberdas Hexenarmen hätte erlahmen müssen.

Ein anderes Mal wollte sie den Rosengarten nach Tiers hinunterwälzen und der Fels war durch ihre Zauberkünste bereits zu weichem Teig geworden. Heute noch sieht man das Stück, das sie schon vom großen Berg weggeschoben hatte. Es ist die zerklüftete, rissige Wand, die vor dem Gartl aufsteht. Wenn man dies Felsgestein genau betrachtet, kann man sich's ganz gut vorstellen, wie die Hexe ihre Teufelspratzen aus dem weichen Stein herausziehen wollte und ihr der Krapfenteig an den zehn Fingern herunterhing.

Da fing aber gerade der "Cyprusstier" zu brüllen an, die Glocke von St. Cyprian erscholl und aus war es mit der ganzen ruchlosen Hexerei. Der Stein erstarrte augenblicklich wieder und die Lomberda war gefangen, wie ein Wiesel, das ins Schlageisen gesprungen ist.

Zum Glück sind die Leute unten im Tale durch die herabfallenden Steine aufmerksam geworden und haben sich gleich gedacht, dass hier wieder einmal die Lomberda an der Arbeit ist. Sie hatten den guten Einfall, die Glocke weiter zu läuten, immerfort und immerzu, sechs Stunden lang, bis ein Trüpplein baumstarker Bauern oben am Berge war und die Hexe am Kragen hatte.

Hätte der Mesner, sein Weib und seine Buben unten auch nur einen Augenblick ausgesetzt, am Glockenstrang zu ziehen, so wäre es den Männern oben bei der Lomberda, so viel ihrer auch waren und so kampfbereit und rauflustig sie sich auch fühlten, übel ergangen. So aber waren sie im Vorteil und die Hexe war während des Glockengeläutes nicht viel stärker als ein anderes Weib in einer schwachen Stunde.

Das nützten die Tierser und die von Cyprian wacker aus und schleppten die Lomberda talab bis zum ersten Bauernhaus. Dort schwangen sie das Weib in einen kupfernen Waschkessel und schmiedeten sie mit kupfernen Ketten daran fest. Gegen das Kupfer hat kein Zauber Bestand. In diesem Kessel führten sie ihre Gefangene nach Tiers und dann hinunter zum Karneider Richter.

Beim Wirtshaus zum Halbweg wäre ihnen die Hexe bei einem Haar ausgekommen. Sie hätte ja auch nur ein bisschen Erde nötig gehabt, um die Gewalt, die ihr das Kupfer antat, brechen zu können. Die Männer saßen gerade in der Trinkstube und hatten den Wagen mit der Lomberda im kupfernen Kessel ohne jede Aufsicht vor dem Hause stehen. Auch der Mesner hatte das Läuten eingestellt. So sicher fühlten sich die Bauern. Kamen einige Kinder und schauten sich die böse Hexe an, erst von weitem, dann immer einen Schritt näher, endlich, als ihrer schon ein ganzer Schwarm war, sechs oder sieben Schritte vom Wagen.

Was tut da die Lomberda? Schneidet sie nicht den Kindern Grimassen und Gesichter, reckt ihnen die Zunge heraus, schiebt die untere Lippe fast eine Spanne weit vor, verzieht das Maul nach rechts und verrenkt es nach links.

Die Kinder von damals taten, was die von heute auch noch täten, sie antworteten ihrerseits mit den gleichen Begrüßungen und Höflichkeiten und da sie auch die Hände frei hatten, bedienten sie sich auch dieser und zeigten der Lomberda lange Nasen, einhändige und zweihändige, solche mit ausgestreckten Fingern und andere, bei denen es die Finger gar eilig hatten im Zappeln und Auf- und Zubeugen.

Das konnte das Weib allerdings nicht nachmachen, weil ihre Hände an den Kessel geschmiedet waren, doch Lomberda fing nun zu spucken an.

"Pfui Teufel, du Hex! Hörst auf mit deinem Speien!"

Da fiel einem Buben ganz was Neues ein. Schon bückte er sich, um die Hexe mit Steinen und Erde zu bewerfen, und das hatte sie eben mit ihren Unarten bezweckt, nur das mit ihren Verhöhnungen heraufbeschwören wollen. Mit einer Handvoll Erde hätte sie ihrer kupfernen Bande gespottet und sich mit Leichtigkeit wieder frei gemacht. .Schon wollte der Bub in seinem Zorn die Erde auf die Hexe werfen, da kam der alte Voit gerade noch zurecht und bewirkte mit einer gut gezielten, schallenden Ohrfeige, die er dem Buben verabreichte, dass die Erde ganz wo anders hinflog.

Von da an haben die Bauern die Hexe freilich nimmer aus den Augen gelassen und sind nicht von ihr gewichen, bis sie am Gallbühel oberhalb Blumau auf dem Scheiterhaufen in Flammen aufging. Noch heute ist dort der Hexengeruch beim Wetterwechsel stark zu merken.

So war es auch recht. Ein Hexenfang glückt ohnedies nur selten, dann aber heißt es aufpassen, dass die Hexe in der Gefangenschaft nicht noch mehr Unheil anstiftet als in freier Weite, denn nicht immer läutet die Wetterglocke, wenn man sie braucht.

(Quelle: Laurins Rosengarten, Sagen aus den Dolomiten, Franz S. Weber, Bozen 1914, S. 99-105.)

Wie die Wallfahrt nach Weißenstein aufkam

Um das Jahr 1550 lebte in Weißenstein ein recht frommer Bauersmann mit Namen Leonhard. Durch Gottes Fügung verlor Leonhard den Verstand und mußte drei Jahre lang als Geisteskranker behandelt und eingesperrt werden. In diesen Jahren des Elends und der Leiden wurde für den geisteskranken Mann viel gebetet, damit Gott ihm helfen möge.

Nicht ohne Frucht war dies Gebet, denn Leonhard wurde oft von der Himmelskönigin in seiner Krankheit getröstet und ihm die volle Gesundheit verbeißen, wenn er an einer von ihr selbst bezeichneten Stelle ihr zur Ehre eine Kapelle bauen würde, die einstens ein berühmter Gnadenort werden sollte.

weissenstein

Eines Tages aber entwischte Leonhard den zu seiner Bewachung bestimmten Aufsehern und lief dem nahen Walde zu, wo er in eine tiefe Schlucht hinabstürzte. Er blieb jedoch auf wunderbare Weise unverletzt. Neun Tage und neun Nächte befand sich Leonhard in der Tiefe der Schlucht, ohne Speise und Trank zu sich nehmen zu können. Desto mehr aber genoß er geistige Nahrung, indem er oft des Besuches der seligsten Gottesmutter gewürdigt wurde, die ihm die Gesundheit abermals verhieß, wenn er ihr zur Ehre an der bezeichneten Stelle eine Kapelle bauen würde. Nach neun Tagen fanden endlich Leonhards Verwandte, welche ihn immerfort suchten, den schon Totgeglaubten und freuten sich sehr, ihn nicht nur lebend, sondern auch geistig gesund zu finden. Doch Leonhard schien bald das vergessen zu haben, was er in den Zeiten des Elends der Muttergottes versprochen hatte, und er baute nicht. Als er nun wieder krank wurde, dachte er an sein Versprechen, gelobte neuerdings an der von der Muttergottes bezeichneten Stelle zu bauen, begab sich dorthin, wo er nachts öfter ein helles Licht gesehen hatte, und fing an zu graben, um die Kapelle zu bauen.

Und siehe! Kaum hatte er sein Werk begonnen, als er eine wunderschöne Statue, welche die schmerzhafte Muttergottes mit dem toten Sohne auf den Armen darstellte, in der Erde fand. Staunend und voller Freude hob er die kleine Statue auf, er baute am Fundort eine kleine Kapelle und stellte darin das Bild zur Verehrung auf. Die Kunde von dieser wundersamen Auffindung verbreitete sich überall hin, und Tausende von frommen Wallfahrern stiegen den steilen Berg hinan, um bei der lieben Schmerzensmutter von Weißenstein Trost und Hilfe zu holen. Bald wurde die Leonhardskapelle zu klein und schon 1561 - nur etwa acht Jahre nach der Auffindung des Gnadenbildes - begann man mit dem Bau einer Kirche. Aber auch diese größere Kirche konnte die immer mehr wachsende Zahl der nach Maria Weißenstein kommenden Pilger nicht mehr fassen, und so begann man 1638 mit dem Bau einer großen Wallfahrtskirche, die 1653 vollendet wurde und heute noch dasteht. Seit 1718 versehen die Serviten die geistliche Betreuung der Wallfahrer in Weißenstein.

(Quelle: Simeoner, A., Die Stadt Bozen. Bozen 1890, S. 283 f.)